Verstehen Sie die Béliers?


Kinostart: 5. März 2015 | Kinostart Frankreich: 17. Dezember 2014


Der Job des Kritikers ist normalerweise ein einfacher. Er kann sich in seinem Kinosessel zurücklehnen und danach vom Leder ziehen, wie unfassbar dumm und eintönig doch – beispielsweise – Comicverfilmungen sind. Er selbst sitzt dabei nie selber hinter der Kamera und muss nicht beweisen, dass er es besser kann. Was gibt es schöneres?

Doch manchmal gerät auch diese schöne heile Welt ins Wanken. Nämlich dann, wenn der Kritiker einen Film entdeckt hat, der von der Öffentlichkeit ignoriert wurde, dementsprechend völlig unbekannt, aber trotzdem sensationell gut ist. Während der Kritiker bei Oscar-nominierten Filmen gerne mit in den Chor der Lobeshymnen einstimmt, weil ja eh jeder weiß, dass es sich hierbei um einen sehr guten Film handelt, will der Kritiker das Wissen, dass es ein filmisches Juwel gibt, das offenbar die ganze Welt übersehen hat, nur ungerne teilen. Er will dieses Juwel für sich alleine behalten und maximal guten Freunden einen Tipp geben.

Trotz dieser Zwickmühle haben wir uns entschlossen, euch von "Verstehen Sie die Béliers?" zu berichten. Wie der Name schon vermuten lässt, handelt es sich hierbei um einen französischen Film. In der Hauptrolle ist Louane Emera zu sehen. Die 18-jährige hatte einst an der zweiten Staffel der französischen Ausgabe von "The Voice" teilgenommen und sich in Frankreich hierdurch einen Namen gemacht, wenn sie auch nicht gewonnen hat. Diese Eckdaten wiederrum lassen den aufmerksamen Leser höchstwahrscheinlich bereits vermuten, dass es in "Verstehen Sie die Béliers?" um Gesang und Musik geht. Und genau so ist es. Menschen, die jetzt jedoch Bilder von langweiligen Filmbiographien oder überdrehten Musicals vor Augen haben, sollten unbedingt weiterlesen. Denn "Verstehen Sie die Béliers?" ist etwas völlig anderes.

Womit wir auch schon beim Inhalt wären: Die pubertierende Paula Bélier (Louane Emera) ist für den Rest ihrer Familie ein kleines Wunder. Für ihre taubstummen Eltern und ihren taubstummen Bruder stellt sie das Tor zur Außenwelt dar. Nur durch sie ist es möglich die Produkte des kleinen Bauernhofs auf dem Markt zu verkaufen. Blöderweise kann Paula nicht nur sprechen, nein, der Lehrer des Schulchores stellt darüber hinaus fest, dass sie auch sehr gut singen kann und prophezeit ihr eine goldene Zukunft. Der Gesangsunterricht verschlingt jedoch viel Zeit, so dass Paula dem Rest ihrer Familie weniger helfen kann. Und dies just in dem Augenblick, wo sich ihr Vater (Francois Damiens) dazu entschließt Bürgermeister zu werden. Paula muss lernen den schwierigen Spagat zwischen einem eigenen, unabhängigen Leben und der Unterstützung ihrer Familie zu meistern.

Was sich vielleicht wie die Beschreibung eines dramatischen Coming-of-Age-Films mit Behinderten lesen mag, ist in Wirklichkeit ein wunderbarer Feel-Good-Movie, der den Zuschauer mit einem stillen Lächeln im Kinosessel zurückbleiben lässt. Das besondere Highlight ist dabei die Darstellung des Familienlebens der Béliers: Immer am Rande der Lächerlichkeit und der Übertreibung wandelnd, schafft es Regisseur Eric Lartigau ("I do") eine wunderbare Atmosphäre zu kreieren, die gleichzeitig auf die Tücken des Alltags eines Taubstummen hinweist und auf der anderen Seite auf ironische Weise mit diesen umgeht. Dabei im Hintergrund omnipräsent: Von Louane Emera gesungene französische Chansons, die einem auch noch nach einer Woche als Ohrwurm erhalten bleiben.



Bewertung:  10.0
Author: owen13
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Erstellt am Mittwoch, den 25. Februar 2015